Lebensentwurf oder nur eine Floskel? Die ungelöste Wohnungsfrage
- Heimat Studio

- vor 2 Tagen
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In den letzten Jahren ist der Begriff „Lebensentwurf“ zum Schlagwort in der Behindertenpolitik geworden. Man findet ihn überall: in Gesetzen, auf Konferenzen und in Reformen. Doch eine Frage bleibt oft unbeantwortet, obwohl sie die entscheidende ist: Wo genau soll dieser Entwurf ganz konkret Wurzeln schlagen?
Untersuchungen zeigen einen positiven Trend: Viele Tageseinrichtungen lösen sich endlich von einer reinen „Verwahrlogik“ und öffnen sich dem Sozialraum. Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen eine aktive, erwachsene Rolle zurückzugeben – eine Rolle, die einen Wert für die Gemeinschaft schafft. Das ist ein wesentlicher Schritt, denn er verwandelt Zeit von „beschäftigt“ in „gelebt“. Dieser Paradigmenwechsel droht jedoch eine schöne Theorie zu bleiben, wenn wir nicht die elementarste materielle Voraussetzung angehen: das Wohnen.

Die Wohnungssuche: Kein gleicher Weg für alle
Für die meisten von uns ist die Wohnungssuche eine Sache von Anzeigen, Besichtigungen und einer Entscheidung. Für Menschen mit Behinderungen ist es der Beginn eines Hindernislaufs, der teuer und oft frustrierend ist.
Die erste Hürde ist entwaffnend simpel: Immobilienanzeigen enthalten fast nie Informationen zur Barrierefreiheit. Man erfährt nichts über Türbreiten, Bewegungsflächen im Bad oder Balkonschwellen. Was für einen Immobilienmakler ein unbedeutendes Detail sein mag, ist für einen Rollstuhlfahrer die Grenze zwischen Autonomie und der Unmöglichkeit, dort zu leben.
Die Agenturen wiederum wissen selten zu helfen. Das ist kein böser Wille, sondern ein Mangel an Fachwissen: Barrierefreiheit wird oft darauf reduziert, ob es Stufen gibt oder nicht. Doch ein Haus ohne Treppen kann trotzdem eine Falle sein, wenn ein Flur zu schmal ist oder die Anschlagrichtung einer Tür den Durchgang blockiert. Barrierefreiheit lässt sich nicht erahnen – man muss sie messen und am eigenen Leib prüfen.
Die unsichtbaren Kosten eines Rechts
Es gibt zudem einen wirtschaftlichen Aspekt, über den kaum gesprochen wird: Barrierefreiheit ist subjektiv. Sie hängt von den Hilfsmitteln, den eigenen Bewegungsstrategien und der Art der benötigten Assistenz ab. Das bedeutet: Während ein Mensch ohne Behinderung nach wenigen Besichtigungen fündig wird, muss jemand mit spezifischen Anforderungen Dutzende Objekte besichtigen.
Jeder Termin kostet: Zeit, Fahrtkosten und oft das Honorar für eine persönliche Assistenz, die die Person begleitet und die Machbarkeit der Räume bewertet. So werden Tausende von Euro ausgegeben, noch bevor ein Mietvertrag unterschrieben ist – nur für den „Luxus“, zu versuchen, ein Grundrecht auszuüben.
Über die eigenen vier Wände hinaus: Das Quartier als Zuhause
Selbst wenn die perfekte Wohnung gefunden ist, verlagert sich das Problem nach draußen. Eine barrierefreie Wohnung in einem feindseligen Viertel ist faktisch ein goldener Käfig. Unpassierbare Gehwege, ein schlechter ÖPNV oder unerreichbare Geschäfte verwandeln häusliche Autonomie in erzwungene Abhängigkeit von fremder Hilfe. Wohnen bedeutet, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, und nicht nur, in einem normgerechten Zimmer eingesperrt zu sein.
Zudem bedeutet ein Umzug für einen Menschen mit Behinderung das Zerreißen eines unsichtbaren, aber lebenswichtigen Netzwerks: der Nachbar, der im Notfall weiß, wie er helfen kann; der Apotheker, der die speziellen Bedürfnisse kennt; der Ladenbesitzer um die Ecke, der alltägliche Handgriffe erleichtert. Diese Mikro-Gleichgewichte sind kein „Extra“ – sie sind das, was selbstbestimmtes Leben erst möglich macht. Sie neu aufzubauen erfordert enorme Kraft, die der urbane Kontext nicht immer zulässt.
Wohnen als Infrastruktur der Bürgerschaft
Die UN-Konvention (Allgemeine Bemerkung Nr. 5 von 2017) ist eindeutig: Selbstbestimmt zu leben bedeutet nicht, „alles alleine zu machen“, sondern die Kontrolle über die eigenen Entscheidungen zu haben. Wenn der Zugang zu Wohnraum ein unsicherer und unbezahlbarer Weg bleibt, verkommt der „Lebensentwurf“ zu einer leeren Konferenzfloskel.
Wir müssen aufhören, Barrierefreiheit beim Wohnen als Nischenthema für Techniker oder als privates Problem der Familien zu betrachten. Sie ist eine Infrastruktur der Bürgerschaft, genau wie Straßen oder Schulen. Ohne ein echtes Zuhause – barrierefrei, sozial eingebunden und bezahlbar – bleibt der Lebensentwurf im wahrsten Sinne des Wortes eine Utopie: etwas, das keinen Ort hat, an dem es existieren kann.






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