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World Press Photo 2026 in Turin: Die Gegenwart in Bildern erzählt

Autorenbild: Heimat Studio
Heimat Studio
vor 7 Stunden
3 Min. Lesezeit

Vom 18. September bis zum 13. Dezember 2026 ist die World Press Photo Exhibition 2026 in der Accademia Albertina di Belle Arti in Turin zu sehen, die internationale Ausstellung für Fotojournalismus und dokumentarische Fotografie.

Die Ausgabe 2026 präsentiert die ausgezeichneten Arbeiten der 69. Ausgabe des World Press Photo Contest: 42 Fotografinnen und Fotografen wurden aus 57.376 eingereichten Bildern von 3.747 Medienschaffenden aus 141 Ländern ausgewählt.

Die Ausstellung führt durch Themen wie Konflikte und humanitäre Krisen, Klimawandel, Proteste, Migration, Ungleichheiten, Rechte, Gemeinschaft und gesellschaftliche Veränderungen.

Vor allem aber erzählt sie Geschichten.


Fotografieren bedeutet, Kontext zu schaffen

Einer der interessantesten Aspekte der Ausstellung ist das Zusammenspiel von Bild und Erzählung.

Jede Fotografie wird von Informationen begleitet, die helfen, ihren Kontext zu verstehen: Wer hat sie aufgenommen? Wo ist sie entstanden? Was geschah in diesem Moment? Und welche größere Geschichte verbirgt sich hinter dem Bild?

Das ist keineswegs nebensächlich.

Wir leben in einem ständigen Strom aus Fotografien, Videos und Inhalten, die schnell an unseren Augen vorbeiziehen. Der Fotojournalismus erinnert uns daran, dass ein Bild zu sehen nicht automatisch bedeutet, es auch zu verstehen.

Es braucht Zeit.

Es braucht Kontext.

Und es braucht Menschen, die bereit sind, zu dokumentieren.


Ein verzweifelter Hilferuf

Eines der eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung stammt von Tyrone Siu für Reuters und wurde in Hongkong aufgenommen.

Am 26. November 2025 brach in der Wohnanlage Wang Fuk Court im Stadtteil Tai Po ein schwerer Brand aus.

Die Fotografie zeigt einen Mann, der vor den brennenden Gebäuden schreit. Seine Frau befand sich in der Wohnanlage. Kurz zuvor hatte er mit ihr telefoniert. Es sollten ihre letzten Worte sein.

Der Brand, der schwerste in Hongkong seit 1948, forderte 168 Todesopfer.

So gelingt es einer einzigen Fotografie, eine Zahl, einen Ort und eine kollektive Tragödie in eine unmittelbar menschliche Geschichte zu verwandeln.



Woman in hijab rides a rearing gray horse in shallow surf, splashing water on a cloudy beach.

Farisāt: Die Töchter des Schießpulvers

Die Ausstellung erzählt jedoch auch ganz andere Geschichten.

Das Projekt von Chantal Pinzi porträtiert die farisāt, marokkanische Reiterinnen, die sich einen Platz innerhalb der Tbourida erobern – einer von der UNESCO anerkannten Reittradition, von der Frauen historisch ausgeschlossen waren.

Heute bestehen einige Reitergruppen ausschließlich aus Frauen.

Die Bilder erzählen daher nicht nur von einer Tradition, sondern auch davon, wie sich eine Kultur von innen heraus verändern kann, wie neue Räume entstehen und wie sich das Verhältnis zwischen Identität, Geschlecht und kulturellem Erbe neu definieren lässt.



Older woman in a wheelchair sits at a table in a bright room, facing a mannequin-like figure by large windows and yellow blinds.

Emma, der soziale Roboter

Eine andere Fotografie führt in ein deutsches Pflegeheim.

Emma ist ein sozialer Roboter, der Gesichter erkennen, sich an frühere Gespräche erinnern und mit den Menschen in der Einrichtung interagieren kann.

Das Projekt reagiert auf zwei zunehmend sichtbare Herausforderungen: Personalmangel und die Einsamkeit älterer Menschen.

Auf der Fotografie von Paula Hornickel sitzt Waltraud Emma gegenüber. Anfangs skeptisch, berichtet sie, im Laufe der Zeit eine gewisse Vertrautheit mit dem Roboter entwickelt zu haben.

Gleichzeitig betont sie einen entscheidenden Punkt: Menschlicher Kontakt bleibt immer vorzuziehen.

Ein Bild, das eine viel größere Frage eröffnet: Welche Rolle können Technologie, Pflege, Einsamkeit und zwischenmenschliche Beziehungen künftig spielen?




Man in yellow shirt shouts in front of smoke-filled high-rise towers engulfed in flames, city disaster scene.

Verbrannte Erde

Auch der Klimawandel prägt die Ausgabe 2026 deutlich.

Der Fotograf Brais Lorenzo dokumentiert die Brände, die Galicien im Jahr 2025 getroffen haben – eine der schlimmsten Brandsaisons der vergangenen Jahrzehnte.

Seine Bilder zeigen von Flammen erfasste Berglandschaften und tiefgreifend veränderte Gebiete.

Dürre und hohe Temperaturen, verschärft durch den Klimawandel, treffen hier auf die Entvölkerung ländlicher Regionen und auf Fragen der Forstwirtschaft.

Die Fotografien zeigen deshalb nicht nur das Feuer, sondern auch das, was nach seinem Durchzug zurückbleibt.


Kein einzelnes Thema, sondern viele Geschichten der Gegenwart

World Press Photo baut seine Erzählung nicht um ein einziges Thema auf.

Gerade in dieser Vielfalt liegt die Stärke der Ausstellung.

Kriege, humanitäre Krisen, Proteste, Umwelt, Migration, Technologie, Einsamkeit, Emanzipation, Gemeinschaft und Resilienz finden innerhalb desselben Rundgangs ihren Platz.

Es sind geografisch und kulturell sehr unterschiedliche Geschichten, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie stellen Menschen und die konkreten Folgen der großen Veränderungen unserer Zeit in den Mittelpunkt.


Der Wert des Fotojournalismus

Die Ausstellung widmet auch der Pressefreiheit besondere Aufmerksamkeit.

Viele der gezeigten Bilder existieren nur, weil Fotografinnen und Fotografen sich entschieden haben, an komplexen, gefährlichen oder schwer zugänglichen Orten präsent zu sein.

Ihre Arbeit besteht nicht einfach darin, visuell eindrucksvolle Fotografien zu schaffen.

Sie bedeutet, Zeugnisse zu sammeln, Ereignisse zu dokumentieren, Erinnerung zu bewahren und es den Betrachtenden zu ermöglichen, sich Realitäten anzunähern, die sonst vielleicht nur über Zahlen oder Schlagzeilen wahrgenommen würden.

In diesem Sinne ist World Press Photo nicht nur eine Fotoausstellung.

Sie ist auch eine Übung in Aufmerksamkeit.

Eine Einladung, langsamer zu werden, genauer hinzusehen und ein wenig besser zu verstehen, was um uns herum geschieht.


Informationen

World Press Photo Exhibition 2026

Accademia Albertina di Belle Arti

Turin

Vom 18. September bis zum 13. Dezember 2026.




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